SoDiLe – Souveränität in Digitalisierten Lebenswelten

Projektinformation
Projektleitung
Prof. Dr. jur. Axel Benning
Hochschule Bielefeld
Projektpartner
Prof. Dr. Marcell Sass
Philipps-Universität Marburg
Laufzeit
04/2021 bis 03/2024
Projektstatus
abgeschlossen
„Was bedeutet Souveränität im Umgang mit einer Technik, die unsere Selbstentfaltung und Vergemeinschaftung grundlegend verändert?”
Die Digitalisierung nimmt in allen Lebensbereichen kontinuierlich zu. Angesichts dieser Entwicklung ist es für den Menschen wichtig, einen kompetenten und souveränen Umgang mit digitaler Technik zu erlernen. Aber was bedeutet „Souveränität“ im Umgang mit einer Technik, die unsere Selbstentfaltung und Vergemeinschaftung sowie unsere Vorstellung vom Menschen grundlegend verändert? Diese Frage kann nicht von einer Disziplin allein, sondern nur im transdisziplinären Austausch multiperspektivisch bearbeitet werden.
Das Projekt SoDiLe widmete sich dieser Fragestellung aus bildungstheoretisch-anthropologischer und rechtswissenschaftlicher Perspektive und entwickelte Konzepte, die ein tieferes Verstehen von Vorstellungen einer digitalen Souveränität ermöglichen sollen. Dabei nutzte das Projekt die hochschuldidaktischen Perspektiven und Dynamiken der beteiligten Partnerhochschulen sowie empirische Forschungen unter „Digital Natives“, um einen konsequent an Transdisziplinarität und digitalen Lebenswelten orientierten Forschungszugang zu entwickeln.
Zur Vernetzung mit den beiden weiteren Projekten im Teilcluster „Digitalisierte Lebenswelten“ lesen Sie bitte HIER weiter.
Exemplarisch wurden die bisherigen Forschungseindrücke zur Souveränität in digitalisierten Lebenswelten in transdisziplinäre Lehr-Lernformate im Schnittfeld von Anwendung und forschendem Lernen transferiert. In unterschiedlichen Gruppen konnten Studierende aus Bielefeld und Marburg hierzu grundlegende Fragestellungen des Projektes SoDiLe bearbeiten, Perspektiven wechseln und eigene blinde Flecken identifizieren. Die dabei gewonnenen Impulse, neuen Perspektiven und kritischen Rückmeldungen zum Selbstkonzept der „Digital Natives“ floßen in die weitere Arbeit des Gesamtkonsortiums ein und modifizierten die bisherigen Forschungsfragen im Sinne einer entdeckenden Forschungsstrategie, die sich stets neu durch Begegnungen im Feld justiert. Schließlich wurden weitere Partner außerhalb der Forschungsgemeinschaft im Sinne einer experimentellen Strategie von Wissenschaftskommunikation eingebunden.
Konkretisierung des Projekts
Im folgenden werden die im Projekt verfolgten Perspektiven dargestellt.
In dieser qualitativ-empirischen Studie wurden Gruppendiskussionen mit Hilfe der Dokumentarischen Methode analysiert. Der Fokus lag auf der Rekonstruktion von kollektiven Herstellungsprozessen des Selbst bei Jugendlichen an Gesamtschulen in einer digitalen Lebenswelt. Es zeigt sich, dass digitale Technologien genuin zum Erfahrungsraum Jugendlicher dazugehören, während die Schule und deren Handlungspraxis für die Jugendlichen von digitaler Technik und digitalen Handlungspraxen abgeschnitten erscheinen. Das verwundert umso mehr, da gerade Schülerorientierung und damit einhergehend die Lebenswelt der Schüler:innen als grundlegende Voraussetzung gelingender Unterrichtspraxis gilt. Digitale Souveränität beginnt folglich in der sensiblen Wahrnehmung der veränderten Lebenswelt der Jugendlichen und ihrem Umgang mit digitaler Technik und Technologie. Die Studie liefert erste qualitativ-empirische Einblicke und entwickelt erste Bausteine für eine digital-informierte (Religions-)Pädagogik entgegen einer dort weit verbreiteten „(digitalen) Technikvergessenheit“.
Digitale Souveränität pflegt ein enges Verhältnis zur Demokratie. Ein Trend der jüngsten Vergangenheit zeigt, dass das Wissen zunehmend im digitalen Raum erworben oder weitergegeben wird. Dies führt dazu, dass politische Institutionen im digitalen Raum, insbesondere auf Social-Media-Kanälen aktiv werden, weil es so in jeder Hinsicht einfacher ist, (potenzielle) Wähler zu erreichen. Weil das Erreichen der Bürger und das Teilen von Inhalten nicht wie in früheren Zeiten über das Fernsehen, Journalisten oder Berichterstatter, sondern auf direktem Wege erfolgt, besteht die Gefahr, dass die Inhalte ohne journalistische Prüfung vermittelt werden. So kommt der Inhalt ohne jene kritische Auseinandersetzung direkt beim Empfänger an. Selbst wenn man dies nicht als problematisch sieht, wird dies aber dann zum Problem, wenn der Absender eines Inhaltes falsche Informationen verbreitet.
Vergegenwärtigt sich man, dass soziale Medien kommerzielle Unternehmen sind und bei diesen nicht die Exklusivität oder gar inhaltliche Richtigkeit im Vordergrund steht, sondern vielmehr der monetäre Vorteil, der gerade dadurch generiert wird, indem dem Nutzer mittels Algorithmen Inhalte vorgeschlagen werden, ist nicht auszuschließen, dass sich so falsche Informationen oder sog. Fake-News einfacher verbreiten lassen. Es existieren immer mehr Anbieter, die z. B. Bilder herstellen, welche durch KI generiert werden. So entsteht die Möglichkeit, Bilder zu generieren, die einerseits nicht der Wahrheit entsprechen und andererseits inhaltlich Aufmerksamkeit erregen können und so einfach dazu verwendet werden, um zu manipulieren.
Mit der Verbreitung der Digitalisierung und der steigenden Nutzung des Internets wird die öffentliche Meinung auf digitale Plattformen bzw. soziale Medien verlagert. Insofern findet der politische Austausch auf Plattformen statt, die einerseits nicht dafür gedacht und andererseits nicht für so etwas geeignet sind. Die manipulativen Inhalte haben einen erheblichen Einfluss auf den politischen Willensbildungsprozess mit der Folge, dass die Staatsgewalt, die nach Art. 20 Abs. 2 S. 1 GG vom Volke ausgeht, einem politischen Kurs nachgeht, der der freiheitlich-demokratischen Grundordnung widerspricht oder diese abschaffen möchte. Beispiele wie in Ungarn oder den Niederlanden machen deutlich, dass dies auch in etablierten Demokratien möglich ist, mit den Mitteln der Demokratie diese Tendenzen auszubauen. Aus diesem Grund ist wichtig, zu erforschen, ob die digitale Souveränität, die kurzgefasst als digitale Versiertheit oder Mündigkeit definiert werden kann, als eine Kernkompetenz für die Zukunft der Demokratie angesehen werden kann.
Interdisziplinäre Perspektive Digitaler Souveränität (SoSe 2022)
Digitale Souveränität im Horizont differenter Modi der Weltbedeutung (SoSe 2023)
Interdisziplinärer Workshop zum Thema: „Zukünfte des Menschen“ mit Prof Dr. Krüger, Prof. Dr. Marcell Saß und Julia Marburger u.w. | 21. Juni 2021
BMBF Stopp im Cluster Integrierte Forschung „Miteinander durch Innovation“
Workshop: „Die neuen Däumlinge: bewegt – vernetzt – engagiert – Exemplarisch aufgezeigt an der Klimabewegung Friday for Future.“ | 03. November 2021
Fachkongress Digitale Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung − Impulse der Fachhochschule Bielefeld für Wirtschaft und Gesellschaft: Vortrag zum Thema „Digitale Kompetenzen und Souveränität“ mit Prof. Dr. Axel Benning und Prof. Dr. Marcell Saß | 18. November 2021
Workshop im Rahmen des Marburg Moduls, einem interdisziplinären Modul zum Forschenden Lernen für Studierende zum Thema „Souveränität in digitalisierten Lebenswelten“ mit Prof. Dr. Marcell Saß und Projektmitarbeiterin Julia Marburger | 30. November 2021)
Vortrag „Digital Natives an der Grenze zwischen Souveränität und Abhängigkeit.“ Erste empirische Einblicke zu der Studie „Herstellungsprozesse von Jugendlichen an Gesamtschulen in Hessen“ im Rahmen des Doktorandentreffens in Villigst mit Mag. theol. Julia Marburger
Prof. Dr. jur. Axel Benning (Leitung)
Hochschule Bielefeld, Fachbereich Wirtschaft, Lehrgebiet Wirtschafts- und Arbeitsrecht
Prof. Dr. Marcell Sass (Leitung)
Philipps-Universität Marburg, Evangelische Theologie
Julia Marburger
Philipps-Universität Marburg, Evangelische Theologie
Abdulmuttalib Erduran
Hochschule Bielefeld, Fachbereich Wirtschaft
Ass. jur. Silke Schulz-Pabst
Hochschule Bielefeld, Fachbereich Wirtschaft
Weitere Informationen


Ergebnisse und Materialien

Neben Erkenntnissen zum Konzept der digitalen Souveränität ist als Kernstück im Projekt ein Modell integrierter Lehre entstanden. Im Buch „Hochschullehre grenzenlos? Ein Modell integierter Lehre“ (Open access) berichten Axel Benning und Marcell Saß basierend auf theoretischen Grundlagen zu interdiziplinärer Kollaboration über praktische Erfahrungen, die im Projekt gesammelt wurden und geben didaktische Anregungen für die Umsetzung integrierter Lehre.
Damit trägt das Projekt zur Debatte um Future skills, Lehrkräftebildung bei und setzt Impulse für die Hochschullehre der Zukunft.
Audioguide Objekt „Schule als letzte analoge Insel – Das Handyverbot“
Projekt: SoDiLe
Lehre und Technologie: Wie geht das sinnvoll zusammen? Damit setzt sich das Projekt „Souveränität in Digitalen Lebenswelten“ auseinander und nimmt hier konkret Bezug auf die am Veranstaltungsort im Heinz Nixdorf Museumsforum – dem weltweit größten Computermuseum – teils ausgestellten Objekte der Technikgeschichte von der Erfindung der Schrift, über die Drucktechnik bis zur aktuellen Robotik. Und eben auch verschiedener vergangener Mobiltelefonmodelle.


Audioguide Objekt „Empathischer Roboter“
Projekt: SoDiLe
Technik erfordert einen kompetenten, d. h. digital-souveränen Umgang der Menschen mit ihnen. Digitale Technologien im Alltag und das Verständnis über einzelne Funktionsweisen sind Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Das Projekt Souveränität in digitalisierten Lebenswelten geht davon aus, dass Integrierte Forschung bei einer integrierten Lehre beginnt. Im Rahmen des Projekts wurden 2 interdisziplinäre und hochschultypübergreifender Seminare mit Studierenden der Wirtschaftsinformatik, des Wirtschaftsrechts der Hochschule Bielefeld und der evangelischen Theologie der Philipps Universität Marburg durchgeführt. Die Studierenden sollten fiktiv einen Sympathie schaffenden, empathisch lebendigen sozialen Roboter entwickeln. Sie sollten sich dabei insbesondere mit ethischen, rechtlichen, philosophischen, soziologischen, und theologischen Fragen befassen. Die Frage ist, ob alles, was technisch möglich ist, auch umgesetzt werden darf.
Im Podcast des Clusters Integrierte Forschung wird in unterschiedlichen Folgen aus dem Projekte und dem dazugehörigen Teilcluster I „Digitalisierte Lebenswelten“ berichtet.
Hier geht es zu den Folgen zum Nachhören:
Folge 1↗ – Vorstellung des Clusters
Folge 2↗ – Vorstellung der Projekte im Teilcluster II

Publikationen
Benning, Axel; Saß, Marcel (2025): Hochschullehre grenzenlos? Ein Modell integrierter Lehre. Bielefeld: wbv Publikation. Open Access abrufbar unter:
https://www.wbv.de/shop/Hochschullehre-grenzenlos-I77673
Saß, Marcell (2023): „Sentient Beings“? in: „dann nutzen wir sie auch: Digitalisierung first – Bedenken second“!? Jugendtheologie und Digitalisierung, hrsg. von Thomas Schlag und Jasmine Suhner, Jugend – Theologie – Digitalität, Jahrbuch für Kinder-und Jugendtheologie Band 6, Stuttgart, S. 27-34.
Saß, Marcell (2022): „… wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist.“ Praktische Theologie im Zeitalter der Digitalisierung, in: Endlich unendlich, hrsg. von Peter J. Winzen und Maike Schult, Stuttgart.
Saß, Marcell (2022): Liturgie(n) im Digitalen Zeitalter, in: Mediatisierung religiöser Kultur. Praktisch-theologische Standortbestimmungen im interdisziplinären Kontext, hrsg. von Ilona Nord / Kristin Merle (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 58), Leipzig.
Saß, Marcell (2022): Posthumanistische Zukünfte und die Neuvermessung des Menschen, in: Loccumer Pelikan. Religionspädagogisches Magazin für Schule und Gemeinde des Religionspädagogischen Instituts Loccum, Ausgabe 3, S. 19-23.
Saß, Marcell/ Benning, Axel (2021): „Digitale Souveränität: (k)eine Frage des Alters? Raus aus der Gutenberg-Galaxie“ in: Fachzeitschrift IM + io.
Saß, Marcell (2022): Digitale Dinge? Eine praktisch-theologische Spurensuche, in: Dinge zum Sprechen bringen: Performanz der Materialität, hrsg. von Martina Kumlehn et. al., Berlin, S. 293 – 302.



