ESTER – Ethische und soziale Aspekte Integrierter Forschung

Projektinformation
Projektleitung
Dr. Mone Spindler
Universität Tübingen
Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
Projektpartner
Wissenschaftsladen Bonn e.V.
Arizona State University
td-net
Laufzeit
04/2021 – 03/2024
Projektstatus
abgeschlossen
„Mit dem Projekt ESTER wollen wir die Reflexivität bei der Analyse und der Weiterentwicklung integrierter Forschung fördern.”
In Technikentwicklungsprojekten soll eine prozessbegleitende Auseinandersetzung mit ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen stattfinden, so die Grundidee der Integrierten Forschung. Zu diesem Zweck sollen Vertreter:innen aus Fächern wie Ethik, Recht und Sozialwissenschaft sowie Praxispartner:innen und Bürger:innen an Innovationsprozessen beteiligt werden. Dass es ein schwieriges Unterfangen ist, wenn Fachleute aus solch unterschiedlichen Wissens- und Lebensbereichen zusammenarbeiten sollen, scheint offensichtlich. Doch welche konkreten ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen birgt dieser Forschungsmodus tatsächlich in sich? Im Rahmen des Projekts ESTER wurde genau diese Frage untersucht und praktische Vorschläge erarbeitet, wie diese Aspekte in die Weiterentwicklung des Konzeptes „Integrierte Forschung” einbezogen werden können.
Im Projekt ESTER wurde der Integrierten Forschung der Spiegel vorgehalten. Denn nicht nur bei der Entwicklung neuer Technologien gibt es ethische und soziale Aspekte zu bedenken. Auch bei der konzeptuellen Weiterentwicklung, der Umsetzung und Etablierung Integrierter Forschung, stellen sich ethische und soziale Fragen. Integrierte Forschung birgt das Potenzial, Innovationsprozesse reflexiver und verantwortungsvoller zu gestalten. Gleichzeitig gestaltet sich jedoch die transdisziplinäre Zusammenarbeit in Technikentwicklungsprojekten für die Beteiligten als spannungsreiches Unterfangen und konfliktreiches Qualitätskriterium im Wissenschaftskontext. Forschende aus Ethik, Recht und Sozialwissenschaften berichten z.B. von Rollenkonflikten, verschiedenen Konzepten guter Forschung und guten Lebens und asymmetrischen Machtverhältnissen in Projektteams. Studien deuten auf Spannungen zwischen den Erfordernissen transdisziplinärer Forschung und bisherigen Förderstrukturen hin. Auch das Timing der Integration ist heikel.
Im Projekt ESTER wurden drei zentrale Ziele verfolgt:
- Die Erforschung der epistemischen, methodischen und strukturellen Spannungsfelder Integrierter Forschung sowie die Strategien, anhand derer integriert Forschende ihren Arbeitsalltag in diesen Spannungsfeldern navigieren.
- Die Entwicklung von Interventionen, die mittels kollaborativer, kreativer Formate darauf zielen, die Selbstreflexivität und das Co-Learning der Beteiligten im Praxisfeld anzuregen und sie zu ermächtigen, gemeinsam (neue) Handlungsspielräume bei der Umsetzung und Weiterentwicklung Integrierter Forschung zu erkunden.
- Die Analyse, inwieweit sich kollaborative Interventionen zur Umsetzung und Weiterentwicklung Integrierter Forschung eignen.
Gemeinsam mit Vertreter:innen relevanter Disziplinen, Praxispartnern aus anvisierten Anwendungsfeldern, Anwendenden und Fördergebern forschte ESTER als Teil des Clusters Integrierte Forschung im Vollzug kollaborativer Interventionen. Ein Ziel dieser Zusammenarbeit ist die Entwicklung und Erprobung eines Materialkoffers, der bei der Erstellung neuer integrierter Projektentwürfe angewendet werden soll. Ein Planspiel „Integrierte Forschung 2030” wurde durchgeführt, in dem sowohl neue Projektideen als auch Kriterien zur Bewertung integrierter Projektanträge und Empfehlungen an die Fördergeber entstanden.
Das Projekt ESTER fokussierte damit ein bis dahin kaum thematisiertes Spannungsfeld Integrierter Forschung: Die Genese integrativer Technikentwicklung. In der Entstehungsphase eines Projekts werden entscheidende Weichenstellungen für das Gelingen der Zusammenarbeit vorgenommen, an denen die Beteiligten im Projektverlauf nur noch wenig ändern können. ESTER stellte dazu folgende Fragen:
- Wie gestaltet sich die Phase der Projektentstehung? Wie wirkt sie sich auf den Einbezug ethischer, rechtlicher und sozialer Aspekte in Innovationsprojekte aus?
- Wie lässt sich die Selbstreflexivität, das Co-Learning und die gemeinsame Erkundung von Handlungsräumen der Beteiligten in Bezug auf die Projektentstehung anregen?
- Wie könnte die Phase der Projektentstehung gestaltet werden, damit Integrierte Forschung besser gelingt?
- Wer ist wie am Prozess der Projektentstehung beteiligt?
- Wie und von wem wird der Forschungsgegenstand konstruiert? Welche Rolle spielen dabei gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Diskurse und Innovationsstrategien?
- Wie, wann und von wem werden Qualitätskriterien für Integrierte Forschung formuliert? Wie geht der Begutachtungsprozess von Projektanträgen vonstatten?
- Wie und in welchen Akteurskonstellationen gestaltet sich die Zusammenarbeit in der Antragsphase
In Orientierung an der Interventionsforschung hat das Projektteam zwei Interventionszyklen zur Genese integrativer Technikentwicklungsprojekte durchgeführt:
Zyklus
Zielgruppe
Themen & Methoden
1
Forschende, die integrierte Forschung in Technikentwicklungsprojekten umsetzen
- Auftaktworkshop mit 35 Forschenden zur Exploration des Praxisfeldes und zur Identifikation von Fokusfragen
- Erstellung von Forschungsboxen, mit Reflexions- und Arbeitsmaterialien zur vertieften Bearbeitung der Fokusfragen
- Versendung der Forschungsboxen an die Teilnehmenden zur asynchronen Weiterarbeit am Thema.
- Die bearbeiteten Boxen wurden zurück an das ESTER Team geschickt und ausgewertet.
- Rückkopplungsveranstaltung
2
Projektträger, die integrative Technikent-wicklungsprojekte betreuen
- Workshops mit Projektträgern
Dr. Mone Spindler (Leitung)
Universität Tübingen, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
Céline Gressel
Universität Tübingen, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
Jacqueline Bellon
Universität Tübingen, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
Projektpartner
Michaela Shields, Wissenschaftsladen Bonn e.V.
Prof. Dr. Erik Fisher, School for the future of innovation in society, Arizona State University, USA
Theres Paulsen, td-net, Network for Transdisciplinary Research, Akademien der Wissenschaften Schweiz
Weitere Informationen

Ergebnisse und Materialien
Ein Impulspapier aus dem Cluster Integrierte Forschung. Materialien zur Ethik in den Wissenschaften, Band 27 | Mai 2025

„Woran erkennt man, ob Integrierte Forschung in einem Antrag für ein Technikentwicklungsprojekt sinnvoll angelegt ist?“ Im Projekt ESTER wurden Bewertungskriterien↗ zum erfolgreichen Einbezug von Ethik in frühen Phasen der Entwicklung von Drittmittelprojekten, z.B. in Ausschreibungen und Föderanträgen entwickelt.

Im Projekt wurden Bilder Integrierter Forschung erarbeitet. Dazu wurden Wissenschaftler:innen aufgefordert, ihr eigenes Bild Integrierter Forschung im jeweiligen Forschungsfeld zu dokumentieren.
Eine Auswahl findet sich hier↗.

Kartenspiel „Dream Team“ zur spielerischen Entwicklung von Projektskizzen und zur Zusammensetzung von Konsortien. Spielfeld und Materialien gibt es hier↗.
YouTube Playlist zur Pre-Conference „Global Justice, Technology, and Integrated Research“ im Rahmen der 4. Fachkonferenz des Clusters.

Ausstellung mit Audioguides zu den Projekten „Integrierter Forschung“ aus den Teilclustern „Digitalisierte Lebenswelten“ und „Kollaborative Interventionen“. Die Ausstellung ist im Rahmen der 4. Fachkonferenz des Clusters entstanden.

Im Podcast „Integrierte Forschung“ berichten Forschende in verschiedenen Folgen aus dem Projekt.
Folge 1↗ – Ziele des Clusters
Folge 4↗ – Kollaborative Interventionen
Folge 5↗ – Ergebnisse aus Teilcluster II
Publikationen & Vorträge
Bellon, Jacqueline, Gressel, Céline., Haupt, Benedikt, Becker, Alexa, Pentzold, Christian (2026). Empowerment and Responsibility through Playful Participatory Exploration. A practical adaptation of the Tiles IoT Inventor Toolkit through the lens of Co-Design, Philosophy, Sociology, and Science Communication. In: Bolz, M., Mallon, S., Muhr, P., Schaffarczik, T., Schrögel, P. (Hrsg.): Wissenschaft und Technologie kommunizieren. Kontroversität, Dialog und Partizipation. Bielefeld: transcript.
Becker, Alexa; Bellon, Jacqueline; Berger, Arne; Djeffal, Christian; Gressel, Céline; Haupt, Benedikt; Müller, Verena; Pentzold, Christian; Spindler, Mone (2025): Bitte intervenieren Sie! Kollaborative Interventionen zur Stärkung des Einbezugs ethischer, rechtlicher und sozialer Aspekte in Technikentwicklungsprojekte. Impulspapier
aus dem Cluster Integrierte Forschung. Tübingen: IZEW, Materialien zur Ethik in den Wissenschaften, Band 27. http://hdl.handle.net/10900/172056 dx.doi.org/10.15496/publikation-113381
Spindler, Mone (2025): The situated multimodality of integrating ethics: orientation work for co-laborative reflexivity and empowerment. In: Journal of Responsible Innovation 12(1). Spindler, Mone (2025): The situated multimodality of integrating ethics: orientation work for co-laborative reflexivity and empowerment. In: Journal of Responsible Innovation 12(1). https://doi.org/10.1080/23299460.2025.2466900
Gressel, Céline; Spindler, Mone (2023). Interdisziplinarität im Forschungsgarten. Vom Pflanzen und Mähen in integrativen Technikentwicklungsprojekten. In: Brand, C., Meisch, S., Frank, D. und Ammicht Quinn, R. (Hrsg.): »Ich lehne mich jetzt mal ganz konkret aus dem Fenster: (…)«. Eine Festschrift für Thomas Potthast. Tübingen: Tübingen Library Publishing (Materialien zur Ethik in den Wissenschaften, Band 23), S. 327–336.




