Direkt zum Inhalt

4. Fachtagung Integrierte Forschung

Mensch-Technik-Verhältnisse transdisziplinär reflektieren und gestalten

Eine Veranstaltung des Clusters Integrierte Forschung

31. Januar und 1. Februar 2024

HEINZ NIXDORF MUSEUMSFORUM Paderborn

Rückblick Fachkonferenz Integrierte Forschung, 31.1./1.2. 2024 im Heinz-Nixdorf-MuseumsForum Paderborn

 

Integriert forschen – was bedeutet das für die Akteur:innen wie für die Strukturen der Forschung? Und welche Voraussetzungen brauchen Forschende, um die Idee einer Integrierten Forschung konsequent umsetzen zu können? Seit fast drei Jahren untersuchen die beiden Teilcluster 1 und 2 des Clusters Integrierte Forschung die einzelnen Fragestellungen zu diesem Thema. Am 31. Januar und 1. Februar 2024 präsentierten sie ihre vorläufigen Ergebnisse bei der 4. Fachtagung Integrierte Forschung: „Mensch-Technik-Verhältnisse transdisziplinär reflektieren und gestalten“. Zudem stellte sich das gerade gestartete dritte Teilcluster vor und gab einen Ausblick auf die Zielrichtung seiner Projekte. 

Auftakt im HNF Paderborn.  © Katharina Erlenwein

Katrin Nostadt vom Referat "Interaktive Technologien für Gesundheit und Lebensqualität" des Projektförderers BMBF betonte den Prozesscharakter, der durch die Entwicklung immer neuer Technologien auch für die Innovationen in der Integrierten Forschung gilt: „In den letzten Jahren hat sich das Cluster Integrierte Forschung erfreulich weiterentwickelt. Darauf können Sie stolz sein! Sie haben nicht nur Methoden der Integrierten Forschung aus verschiedenen Feldern zusammengeführt und neue partizipative Formate entwickelt, sondern dabei stets den Einfluss neuer Technologien im Blick behalten.“

An den zwei Konferenztagen im passenden Ambiente des sehenswerten Technikmuseums HNF in Paderborn wurden zunächst die Herausforderungen der rasanten Digitalisierung unserer Lebenswelt angesprochen und die Lösungsansätze hinsichtlich einer souveränen und orientierten Begegnung der Forschenden wie der Technik-Nutzenden mit den Veränderungen diskutiert. Integrierte Forschung als neuer Modus von Lehre, Forschung und Entwicklung verlangt dabei die vorausgehende Identifikation von unbewussten Annahmen sowie inter- und transdisziplinäre Perspektiven. Am zweiten Tag standen kollaborative Interventionen im Mittelpunkt der Diskussionen – ein Modus, mit dem die Integration von sozialen, ethischen und rechtlichen Fragen in Forschungsprozesse gelingen kann. Der Transfer der ethischen, sozialen und rechtlichen Implikationen komplexer technischer Entwicklungen ins Bewusstsein der davon Betroffenen sowie die Entwicklung von Kompetenzen im Umgang mit diesen Fragestellungen standen dabei im Fokus.

 

Souveränität und Orientierung in sich verändernden Lebenswelten

Dr. Markus Lemmens identifizierte in seiner Keynote die fehlende Passung zweier geforderter Denkmuster – dem der traditionell freien Forschung einerseits, Governance, Management, Erfolgskriterien und Evaluation andererseits – als Problemfeld heutiger Forschung in Deutschland. Hinzu komme der Wettbewerbs-Gedanke und die Forderung nach Transfer. „Die Integrierte Forschung hat die Chance, aus dem Anwendungsfeld der Mensch-Technik-Interaktion heraus mittelfristig (bis 2030) ein weitergehendes Handlungssystem für eine Zusammenarbeit von Wissenschaft und Zivilgesellschaft insgesamt abzuleiten“, so Lemmens. 

Podiumsdiskussion mit (von links): Prof. Dr. Sven Müller-Grune, Prof. Dr. Ulrike Lucke, Prof. em. Dr. Werner Stegmaier, Prof. Dr. Jochen Steil und Prof. Dr. Arne Manzeschke (Moderator) ©Katharina Erlenwein

 

Die Leitbegriffe der Integrierten Forschung – Lebensformen, Souveränität und Orientierung in Digitalisierten Lebenswelten – stellte PD Dr. Bruno Gransche (Projekt LeDiLe) vor. Gäste aus unterschiedlichen Disziplinen waren eingeladen, auf dem anschließenden Podium dazu Stellung zu nehmen. Der Grundtenor: Das Konzept ist in unterschiedlichen Blickwinkeln und Kontexten anschlussfähig. Prof. em. Dr. Werner Stegmaier, Begründer der „Philosophie der Orientierung“, kommentierte es aus der Sicht des Philosophen. Er fand die Übertragung auf die komplexen Herausforderungen der digitalen Welt ebenso nachvollziehbar und für Technikentwicklungsprojekte anwendbar wie Prof. Dr. Ulrike Lucke, Professorin für Komplexe Multimediale Anwendungsarchitekturen an der Universität Potsdam. Prof. Dr. Sven Müller-Grune, Professor für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Schmalkalden, blickte mit der Expertise des Rechtswissenschaftlers insbesondere auf den Begriff der Souveränität; Robotik-Experte Prof. Dr. Jochen Steil steuerte den Blickwinkel der Technikentwickler bei. 

 

Tools zur Identifikation relevanter Fragestellungen

Wie Technikentwicklungsprozesse ganz konkret mithilfe von Tools aus der Integrierten Forschung menschenzentriert und ethisch sensibel weitergetrieben werden können, zeigten die Workshops aus den einzelnen Projekten: Rechtliche Fragestellungen und die transdisziplinäre Schulung von Studierenden sowohl der Schulpädagogik als auch der Rechtswissenschaften (Projekt SoDiLe), die ethische Evaluation schon am Beginn eines Projektes mittels des „explictImage“-Tools aus dem Projekt OrDiLe sowie Schulungen mit dem Vermittlungsportfolio „Transformative Philosophie“ aus dem Projekt LeDiLe.

Workshop des Projekts LeDiLe zum Instrument der „transformativen Philosophie“ ©Katharina Erlenwein

Die Ansätze und Ziele der Integrierten Forschung stellten die Beteiligten des Teilclusters am Ende des ersten Konferenztages zur Diskussion: Wie kann die Sensibilisierung für nicht-technische Aspekte und deren informierte Reflexion in Projekten der Technikentwicklung gelingen und verstetigt werden? Wie können tradierte Disziplingrenzen überwunden und neue Perspektiven auf den Forschungs- bzw. Entwicklungsgegenstand gewonnen werden? Und welche institutionellen (Förder-)Strukturen bräuchte es dafür? 

Eines der Ergebnisse: Entscheidend sind dafür nicht nur die entsprechenden Ressourcen, sondern auch eine veränderte Haltung von Forschenden (und Fördergebern). Freiwilligkeit, gepaart mit ergebnisoffener Forschung, die auch das Scheitern oder den Abbruch nicht ausschließt, sind Voraussetzung. Möglichen Irritationen muss produktiv begegnet, eine transdisziplinäre Perspektive und selbstkritische Haltung eingeübt werden.

Maßgebliche Ziele der Integrierten Forschung werden dabei weiterverfolgt, etwa die Herstellung neuer Perspektiven auf den jeweiligen Forschungs- bzw. Entwicklungsgegenstand, das Hinausgehen über reine Begleitforschung, eine verstärkte Einbindung nicht-technischer Fächer/Perspektiven sowie die Einbeziehung der verschiedenen Stakeholder in Technikforschungs- und -gestaltungsprozesse. Dr. Galia Assadi (Projekt OrDiLe) identifizierte weiter die Notwendigkeit, Beteiligte in Technikgestaltungs- und Techniknutzungsprozessen für nicht-technische Aspekte zu sensibilisieren und disziplinär eingeschliffene Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen (etwa im Hinblick auf bestimmte Problemverständnisse). Die Integrierte Forschung verfolgt hierbei den Ansatz, technische Systeme in ihren konkreten Anwendungskontexten zu erforschen, zu evaluieren und deren sozial und ethisch verantwortliche Gestaltung zu unterstützen.

 

Beispiele für bahnbrechende technische Entwicklungen – von den ersten Rechen- und Schreibmaschinen bis zur Entwicklung des modernen Computers – konnten die KonferenzteilnehmerInnen in Anschluss an beide Konferenztage im Heinz-Nixdorf-MuseumsForum besichtigen. 

 

Kollaboration und Intervention

Am zweiten Tag der Fachtagung traten die Möglichkeiten der Interaktion zwischen Entwickelnden und Nutzenden, interdisziplinären Teams, ExpertInnen und Laien in den Fokus: Kollaborative Interventionen sind von den drei Projekten in Teilcluster 2 auf verschiedene Weisen weiterentwickelt und verfeinert worden. Auch hier lieferten die Forschenden Tools für zukünftige Prozesse, die in unterschiedlichen Kontexten getestet wurden. 

„Das Ziel ist nicht, die Grenzen der Wissensformen und Praxisfelder aufzuheben, sondern sie anlassbezogen aufeinander zu beziehen, sodass wechselseitiges Lernen möglich wird. Das Vorhaben lebt von Differenzen und der Produktivität der Arbeit an ihren Spannungen und Brüchen“, so Dr. Mone Spindler, Sprecherin des Teilclusters 2. Eine der zentralen Forderungen der Post-ELSI-Debatte werde mit dem Konzept der Integrierten Forschung umgesetzt: Der Einbezug ethischer, rechtlicher und sozialer Aspekte in Technikentwicklungsprojekte werde vom transdisziplinären Rand dieses Spektrums her durch „kollaborative Experimente“ weitergedacht und gestärkt.

In Teilcluster 2 wurden Möglichkeiten geschaffen, mit denen Projektteams in Forschung und Entwicklung genauso wie fachfremde Beteiligte oder zukünftige Nutzerinnen und Nutzer die sozialen, rechtlichen und ethischen Implikationen von digitalen Innovationen durchtesten können. Mit interaktiven, oft spielerischen Ansätzen gelingt es so, weitreichende Folgen der jeweiligen Technologien in ausgewählten Einsatzszenarien abzuschätzen und bewusst zu machen.

Das Team von Futurehomestories hat zum Beispiel zwei „Little Boxes“ Methodenkoffer mit Sensoren (LittleBits) und einigen Gegenständen zusammengestellt, die die Kreativität der Nutzenden anregen. Sie können bei der Imagination von Technik, wie Menschen sie wirklich wollen und brauchen und beim Entwerfen eines individuell zugeschnittenen „Smart Home“ helfen. 

Materialkoffer des Projekts Futurehomestories  ©Projekt Futurehomestories

 

Mit den Forschungspaketen des Projekts ESTER wurden Arbeits- und Forschungsmaterialien durch die Community von integriert Forschenden geschickt und von über 30 Personen bearbeitet. Dabei ging es um Einflussfaktoren auf die Phase der Projektgenese, etwa zu der Frage, was überhaupt vom wem als zu lösendes Problem identifiziert wird, wie Förderrahmen, Ausschreibungstexte und Teamzusammenstellungen die Projektergebnisse beeinflussen, welche Rolle der Zufall dabei spielt, welche Erfahrungen integriert Forschende in ihren jeweiligen Lebenswelten konkret machen und wie sie sich unterstützend vernetzen können und sollten.  

Welche Faktoren beeinflussen die Projektgenese? Kollaborative Kartierung mit integriert Forschenden im Projekt ESTER   ©Projekt Ester

Im ESTER-Workshop konnten die Besucher der Tagung verschiedene vom Projekt entwickelte Reflexionshilfen ausprobieren. Anhand eines Kartenspiels konnten sie ein individuell als ideal verstandenes Projektteam zusammenstellen, sowie Forschungsreferate und  -Strategien erfinden. 

Im Projekt Rechtech wurden neue Tools zur systematischen Reflexion über die rechtlichen Implikationen einer Anwendung in sensiblen Bereichen der Mensch-Technik-Interaktion entwickelt und getestet. Besucherinnen  und Besucher der Fachkonferenz ließen sich interessiert und konstruktiv auf die Diskussionen in den Workshops ein und gewannen so Einblicke in die Möglichkeiten integrierter Forschung und ihrer Werkzeuge.

Workshop von Projekt RechTech zu technischen Hilfsmitteln im Gesundheitsbereich. ©Katharina Erlenwein

Eine Ausstellung der Projektergebnisse inklusive Audioguides war während der gesamten Tagung aufgebaut und ist weiterhin online abrufbar.

 

Teilcluster 3: Perspektiven offener Wissenschaft in einer digitalisierten Demokratie

Zum Abschluss der Fachtagung stellte sich das neu formierte Teilcluster 3 vor, das seit November 2023 am Start ist: Im Fokus der fünf Forschungsprojekte steht die Öffnung der Wissenschaft angesichts der neuen gesellschaftlichen Herausforderungen im Umgang mit multiplen Krisen. Da die Probleme komplexer werden, erfordern sie die inter- und transdiziplinäre Erarbeitung von Lösungsansätzen, und dies nicht nur innerhalb der Wissenschaftscommunity, sondern unter Einbezug wissenschaftsexterner Perspektiven in die Wissensproduktion. Dies diene umgekehrt auch dazu, die Akzeptanz und Nachhaltigkeit der Lösungen zu erhöhen, so Dr. Katharina Gerl, Koordinatorin des Teilclusters 3. 

Konkret widmen sich die Projekte der Erforschung von KI-basierten Anwendungen zur Teilhabe an Wissensproduktion, der Verankerung von ethischen Aspekten in KI-Anwendungen innerhalb der Technikentwicklungsprozesse, der Inklusion von Menschen mit Behinderung in diese Prozesse sowie dem verbesserten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Bis 2026 erarbeiten die beteiligten WissenschaftlerInnen entsprechende Wege zur Co-Creation und Beteiligung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen an Wissens- und Technik-Entwicklungsprojekten.

 

Mehr zu den einzelnen Projekten, Zwischenergebnissen und geplanten Veranstaltungen erfahren Sie auf der Webseite https://integrierte-forschung.net

Alle Vorträge der zusätzlich von Teilcluster 2 veranstalteten pre-conference zu „Global Justice, Technology, and Integrated Research“ sind auf dem YouTube-Kanal des Cluster Integrierte Forschung einzusehen:

YouTube Playlists der Global Justice, Technology, and Integrated Research International online pre-conference:

 

Programm 

 

Pre-Conference “Global Justice, Technology, and Integrated Research”

Tuesday, January 30th 2024

Program 
January 30th, 2024, online, Zoom-Link: https://zoom.us/j/96825103379
Online pre-conference related to the in-person event 4. Fachtagung Integrierten Forschung: "Mensch-Technik-Verhältnisse
transdisziplinär gestalten und reflektieren“. Pre-conference language is English. The in-person event will be held entirely in German.

 

Vor-Ort-Konferenz Integrierte Forschung, HNF Paderborn

Mittwoch, 31. Januar 2024

 

Donnerstag, 01. Februar 2024

 

HIER können Sie eine virtuelle Rundtour durch das Heinz-Nixdorf-Museumsforum unternehmen

 

 

Minigrafik

 

Weitere Inhalte zu den Fachkonferenzen auf Youtube